1.5.2008 von post.
In der Nähe der Amerika–Gedenkbibliothek, aber auf der anderen Seite von Kanal und Hochbahn. Ich fahre auf dem Fahrrad sehr langsam und umsichtig auf den Druckknopf der Fußgängerampel zu. An der Ampel steht ein hinfälliger, mindestens fünfundachtzigjähriger Rentner, in vergilbten Turnschuhen – die Kernzeit des heute allgegenwärtigen Kleidungselends auf den Straßen Berlins fing an genau dem Tag an, als der erste Greis in Turnschuhen aus dem Haus schwankte –, in vergilbten Sporttretern also, in braunen Baumwollhosen mit verrutschten Bügelfalten, einer knallstrammen und bösartig glänzenden Kunstlederjacke und einem grauschwarzen Pepitahut – was ja immer schon eine Kopfbedeckung der höchsten Lächerlichkeitsstufe war. An der Ampel angekommen, berühre ich die gelbe Druckknopf-Attrappe am Ampelmast. “Dit is doch jeistich schwachsinnich, da uff de Ampel ßu drücken, wo et doch ooch jrün wird, wenn jar keena drückt“ sagt der Greis, ohne mich anzusehen, laut in sich hinein. Er spricht seinen blitzdummen Satz im klassischen Berliner Alte-Leute-Motz-Ton: nicht laut genug, um eindeutig Mitmenschen zu belästigen; aber auch nicht dezent genug, um die hochverdiente Ignoranz zu erfahren.
Sprechen Sie etwa mit mir?
rufe ich ihm freundlich zu. –
Und ooch noch uffn Jehweech fahren, Pissfresse, Arschloch,
kontert er zügig. Jetzt ist es genug. Ich bin sonst nicht so, ich schwör’s. Ich hau mich mit keinem, das sowieso nicht. Ich drohe auch niemandem. Diese ganze breitbeinige Männer-Hormon-Scheiße kann mir komplett gestohlen bleiben. Aber was zuviel ist ist zuviel. Ohne abzusteigen rufe ich über die Schulter:
Willst Du was auf die Fresse haben, Gartenzwerg?
Der Alte kreischt sofort zurück:
Na komm doch her! Komm her! Na komm! Na komm! Na komm! Wat isn? Schiß oda wat? Komm doch her! Na los! Na los!
– Wer ist dieser Mann, frage ich mich im gemächlichen Wegfahren, Geronto-Män auf seinem Rachefeldzug zugunsten der Fußgänger und der jeistich starksinnijen Drückampel-Ignorierer? – Aber sehen wir mal vom Einzelfall ab und betrachten wir die Sache gesellschafts-politisch: Wird es nicht Zeit, unseren Greisen ganz grundsätzlich Einhalt zu gebieten? Müssen wir uns wirklich grenzenlos terrorisieren lassen vom Wahn unserer Alten, überall mithalten zu können und zu müssen, sogar bei sinnlosen Prügeleien im Straßenverkehr?
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24.4.2008 von post.
Gestern wies mich der Kollege Andreas Gläser
- übrigens sehr zu empfehlen: www.baufresse.de und
auch im Buchhandel erhältlich!! - darauf hin, dass meine
Website nicht so aussieht, als würde ich ihr sehr viel Zuwendung
schenken. Das stimmt. Ich frage mich allerdings: Wie machen das
die Leute, die fast jeden Tag mit neuen langen Texten auf ihren
Seiten stehen? 1) Wie fällt denen immer und immer wieder was ein?
2) Wo nehmen die die Zeit her? Haben die keinen Job?
3) Wo nehmen die die Zeit her? Haben die keine Familie?
Trotz dieser bohrenden Fragen will ich mich bessern und fange damit an,
indem ich jetzt wenigstens einen Veranstaltungshinweis hier loswerde:
Am 27. April, also am kommenden Sonntag, habe ich ab 19:30 Uhr die Ehre, bei der neuen Lesebühne “LedeWe” mitzuwirken (s. www.ledewe.de). Ich werde dort zwei sowohl bildende als auch teilweise erheiternde Dia-Vorträge über Ansiedlungen im
Lande Brandenburg zum besten geben, dann wohl auch noch einen Text ohne Lichtbilder lesen. - Also kommenden Sonntag um 19:30 Uhr, LEDEWE, im Theater am Winterfeldplatz, Gleditschstraße 5, Eintritt 8 €, ermäß. 5 €. Ich würde mich sehr freuen, wenn der eine oder die andere kommen würde.
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17.1.2008 von post.
180108iswas.mp3Hier, als Audio-Packung,
mein Wochenrückblick,
wie er am 18.1.2008 beim
Deutschlandfunk gesendet wird,
nachmittags um fünf vor halb vier.
KN
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31.10.2007 von post.
Am Mittwoch ist in einem Krankenhaus im Saarland Michael Stein an Lungenkrebs gestorben, im Alter von 55 Jahren. Stein war Anfang der 90er Jahre Mitglied der “Höhnenden Wochenschau”, der ersten Berliner Lesebühne. – Dort lernte ich ihn kennen, bei Auftritten in Berlin und anderswo. Hier ist mein Nachruf.
Als ich Michael Stein vor ungefähr 18 Jahren kennenlernte, trug er gern großkarierte Holzfällerhemden. Ich glaube, er hatte damals Locken. Es war nicht besonders schwierig, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Außer ihm waren damals Dr. Seltsam, Cluse Krings, Frank Fabel und Anja Poschen Mitglieder der “Höhnenden Wochenschau“. Die Truppe zerfiel damals in zwei Fraktionen, die Ideologen und die Komiker (zumindest kam es mir so vor) – Stein gehörte nicht nur zu den Komikern, er hatte sich auch darauf spezialisiert, die Ideologen mit Hohn und Spott zu überziehen. Über Dr. Seltsam sagte er: “Der Doktor profitiert bis heute davon, dass man 1976 eine neue Methode der Gehirn-Entnahme erfunden hat. Dadurch war es möglich, das Gehirn des Doktors rauszunehmen und zu gefrieren. Bis Anfang der 90er Jahre war es tiefgefroren; dann wurde es ihm wieder eingesetzt. Dadurch ist der Doktor bis heute imstande, absolut authentischen Marxismus-Leninismus von 1976 zu produzieren.“ Bei den Redaktions-konferenzen, die immer freitags, am Abend vor der Samstagsshow, stattfanden, war es üblich, dass die Texte, die dort vorgestellt wurden, unerbittlich kritisiert wurden. Auch Stein war nicht gerade zartfühlend, wenn er den Text eines Kollegen nicht mochte; verteidigte man aber einen Text mit einer besonders albernen und hirnrissigen Argumentation, dann konnte es vorkommen, dass er darüber lachen musste und den Text für den Rest der Sitzung seinerseits verteidigte. – Im Winter 1989 / 90 nahm die “Höhnende Wochenschau“ Kontakt zur damaligen SED / PDS auf; wir fürchteten damals, im Osten würden die Neonazis stärker werden und wollten mit unseren bescheidenen Mitteln zu ihrer Bekämpfung beitragen. Der frühere DDR-Vizekultur-minister Klaus Höpcke lud uns ein, im Gebäude an der Oberwallstraße – wo früher Honecker seinen Amtssitz hatte – eine Art Probeauftritt vor Partei-Leuten aus der ganzen DDR zu absolvieren, ein Casting sozusagen. Diejenigen, denen unsere Texte gefallen würden, könnten dann ja Gastspiele mit uns vereinbaren, so Höpcke. Wir freuten uns besonders darauf, wie das Publikum auf Stein reagieren würde. Er führte damals u.a. eine Art Talking Blues auf, eine sehr ruhige Nummer, etwas schleppend vorgetragen, mit sehr feinem Gefühl für Timing. “Tresen gestanden / Bierchen getrunken / Zijarette jeraucht / Hallo Heinz jesaacht“ – daran erinnere ich mich noch. Ich selbst hatte dazu am Klavier einen matten Blues zu improvisieren. Die Parteihirsche waren leise befremdet, da sie solche Nummern in ihrer Welt des politischen Laber-Kabaretts nicht kannten. Sie fanden uns aber sympathisch. Auch schien uns ja mit ihnen irgend eine Art von linker Grundüberzeugung zu verbinden; jedenfalls erweckte Dr. Seltsam immer gern diesen Eindruck bei den Bonzen. Die anderen waren einfach neugierig auf eine Tournee durch die Ruine des preussischen Sozialismus. Während des Auftritts im Parteigebäude wollte Seltsam unbedingt ein dämliches Biermann-Gedicht vorlesen (der Dr. las ja immer gern Sachen vor, die ihm keine Arbeit mehr machten). “Lob des Kommunismus“ hieß es, oder so ähnlich. Wir anderen fanden das Gedicht minderwertig und politisch doof. Seltsam wartete einen Moment ab, in dem jemand hinter der Bühne trödelte (Stein?) und schob seinen fülligen Leib geschwind an allen anderen vorbei, um sich auf der Bühne hinzusetzen und den Biermann rauszublöken. Alle bis auf Organisationsleiter Krings waren von diesem Putsch begeistert und erheitert, Stein ganz besonders. Ihm gefiel es immer, wenn Strukturen auseinanderfielen – und er mittendrin! Nachträglich kann ich kaum glauben, dass er sich so lange Zeit bereitwillig dem Redaktionsritual unterwarf. – Als wir dann in der DDR waren – Neubrandenburg, Dresden, Leipzig, Cottbus, Lübbenau und noch einige Orte, deren Namen ich nicht mehr weiß – unterhielt Stein die lokalen Veranstalter immer mit Skurrilitäten. Einmal, in Cottbus, gingen wir verkaterten Schädels mit unserer Veranstalterin spät morgens an einem Gewässer spazieren. Er wolle ihre kommunistische Weltsicht nicht ins Wanken bringen, sagte Stein zu der kichernden Frau, aber er müsse ihr jetzt kurz etwas stark Christliches demons-trieren, er könne nämlich auf dem Wasser gehen, genau wie der damals, ganz genau. Er improvisierte einen ausholenden, nach einer Robert-Crumb-Comicfigur aussehenden Schritt aufs Wasser zu, ließ den Fuß dann knapp über dem Wasserspiegel schweben, zuckte, grunzte, zog schließlich zurück und sagte der Frau, kopfschüttelnd und treuherzig blickend: “Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, wie mir das passieren konnte: Es geht nicht; ich hab die falschen Schuhe an!“ – Mit Stein, der zwar keinesfalls “alle Drogen nahm, die es gab“ (Seltsam), aber doch so dies und das und so dann und wann – mit Stein kam es auch zu merkwürdigen Begebenheiten nach den Gelagen, die sich regelmäßig an unsere Auftritte anschlossen. Einmal fragte er morgens einen Parteikellner (ja, einmal im Leben hatte unsereiner Privatkellner, wenn auch nur in einem untergehenden Staat!), wo denn sein Shit vom Vorabend sei. “Oach sou, sie meinen dän braunen Glumben, der durtt gelägen hodd? Mir homm gekloobt, das wär vorgammeldde Schoggoloade, da hammors weggeschmisn!“ Stein stöhnte auf und lachte gleichzeitig. – Das Publikum unser Ost-Auftritte war damals doppelt verwirrt: Erstens dadurch, dass ihnen ihr grauer kleiner Spießerstaat unterm Hintern wegschmolz, was für manche absolut nicht zu verarbeiten war; und zweitens durch unser Auftreten, unsere Texte, durch den antiautoritären Grundzug der Truppe. Die erste Frage aus dem Publikum, die wir nach jeder Show hörten: “Wovon lebt Ihr eigentlich?“ – Nach einiger Zeit ließen wir immer Stein als ersten antworten; denn seine Standardantwort “Ich hab mal ne Ausbildung als Ladendieb gemacht“ setzte gleich einen klaren Standard für die weiteren Antworten. Wir gingen nach einigen Tourneestationen dazu über, als Anmoderation für Michael zu sagen: “Und jetzt begrüßen Sie bitte das Drogenproblem der Höhnenden Wochenschau, Michael Stein!“ Das war durchaus übertrieben; aber einen recht derben Konsum an Rauschstoffen verschiedener Art hatte er manchmal schon. Wenn wir im Kleinbus aus Berlin hinausfuhren, hielten wir auf Antrag von Stein immer am ersten Intershop. Dort wurde Whisky zugeladen, der jeweils beste, der zu haben war. Wenn gar kein Whisky vorhanden war, setzte Stein schon mal durch, dass “Küstennebel“ gekauft wurde, ein trüber, spermafarbener Anislikör, der weder lecker war noch zuverlässig betäubte. Stein war damals sehr interessiert am sozialen Leben nach den Vorstellungen. Unsere Unterbringungen reichten von verlassenen Plattenbauten, auf deren noch brauchbare Wohnun-gen die Partei Zugriff hatte bis zu Gründerzeitvillen mit höflichen Kellnern und umfangreichen Cognag-Vitrinen (ehemalige Stasi-Domizile, so vermuteten wir). In einer der Plattenbau-Wohnungen, die wir nutzten, war eine leidlich angenehme Badewanne. Dr. Seltsam ließ sich ein Bad ein und nahm lesend in der Wanne Platz. Stein kam kurz danach hinein und wünschte zu pinkeln, wurde aber abgewiesen, weil das beim Baden abstoßend sei. Kurzerhand pinkelte der Neuköllner Berserker daraufhin bei Dr. Seltsam in die Wanne – eine Tat, die ihm bei allen anderen Mitgliedern der spätpubertierenden Truppe großes Lob eintrug und die sich schnell zur veritablen Anekdote auswuchs. – Auf dieser Tour kam es zu Liebschaften, teils mit der restsozialistischen Bevölkerung, teils mit Frauen, die mitgereist waren. Mir oblag es, der Tölpel zu sein, der sich tatsächlich während der Tour verliebte. Die Geschichte war gerade ein paar Tage alt, als ich die bewusste Dame mit Stein im Bett vorfand. Leider kann ich mich an die Erklärung, die der Meisterschwadroneur in diesem Moment abgab, nicht mehr erinnern. Unvergesslich ist mir aber, was Michael Stein irgendwann um 2 Uhr morgens durch einen Plattenbaukorridor brüllte, ein Satz, der weniger seine feinsinnige und mehr seine großkarierte Holzfällerseite betonte: “Ich will Ost-Fotzen!“
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28.9.2007 von post.
Hier ist nun auch das Audio-FIle zum vorigen Texttag-d-deutsch-butterbrots.mp3
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28.9.2007 von post.
Manchmal muss man wirklich adlerscharf aufpassen, damit man nichts verpasst im öffentlichen Leben und in der bunten Wunderwixerwelt der Medien. Heute zum Beispiel
ist ein wichtiger Tag. Ein fettiger Tag. Ein bröseliger Tag. Das verstehen Sie nicht?
Sollen Sie auch gar nicht. Sie sollen meinen Audio-Beitrag dazu hören. Warum? Nur so aus Daffke.
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21.7.2007 von post.
Und wieder gibt es Nothnagel zum Hören:
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12.6.2007 von post.
Im Radio gehört:
Nach den USA und Rußland ist
Deutschland Waffen-Hersteller
Nummer 3 in der Welt. Im Ver-
hältnis zur Bevölkerungszahl
sind wir sogar Nr. 1! Weltmeister!
Hurra!
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11.6.2007 von post.
Was ist nur mit Miro Klose los?
Mir scheint: der Mann hat sich in eine zu komplexe Gedankenwelt begeben.
Klose kann normalerweise tadellos denken: “Ich Miro. Da Ball. Dort Tor. Bumm!”
Von Gedanken größerer Komplexität ist dringend abzuraten. Das Fußballspielen von
früher Kindheit an (noch dazu in Polen!) sorgt dafür, daß beim Heranwachsenden
nur ungefähr 80 Synapsen im Hirnskasten entstehen - zum Vergleich: Wer nicht
Fußball spielt und auch sonst nichts Schädliches tut (Fernsehen, Computerspiele etc.),
darf mit bis zu 8 Millionen Synapsen rechen. Mit denen könnte man dann z.B. auch
denken “Ich. Miro. Hier. Bremen. Blöd. Will dort. München. Auch blöd. Aber Geld.” So
aber, mit der Ausstattung, die Miro sein eigen nennt, verwirren Gedanken dieser
Komplexitätsstufe heillos. Und dann blockieren diese schwierigen, verwuselten und
verwutzelten Gedanken sogar den reibungslosen Ablauf des einfachen “Ich Miro. Da Ball. Dort Tor. Bumm!” q.e.d.
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