Archive für Mai 2008

biker-party.mp3

Schon wieder ist ein Unesco-Weltkultur-Erbe in Gefahr. Dieses Mal handelt es sich um das Obere Mittelrheintal – ein Ort, bei dem schon der Name gewisse Irritationen birgt. Damit man versteht, was dieses Tal bedroht, muss man zunächst zur Kenntnis nehmen, was eine Biker-Party ist.  Hören Sie selbst, in dem Sie die mp3-Überschrift anklicken! – Zuerst gesendet beim Deutschlandradio Kultur am 24. Mai 2008

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“Jeistich schwachsinnich” – aus dem Berliner Alltag

In der Nähe der Amerika–Gedenkbibliothek, aber auf der anderen Seite von Kanal und Hochbahn. Ich fahre auf dem Fahrrad sehr langsam und umsichtig auf den Druckknopf der Fußgängerampel zu. An der Ampel steht ein hinfälliger, mindestens fünfundachtzigjähriger Rentner, in vergilbten Turnschuhen – die Kernzeit des heute allgegenwärtigen Kleidungselends auf den Straßen Berlins fing an genau dem Tag an, als der erste Greis in Turnschuhen aus dem Haus schwankte –, in vergilbten Sporttretern also, in braunen Baumwollhosen mit verrutschten Bügelfalten, einer knallstrammen und bösartig glänzenden Kunstlederjacke und einem grauschwarzen Pepitahut – was ja immer schon eine Kopfbedeckung der höchsten Lächerlichkeitsstufe war. An der Ampel angekommen, berühre ich die gelbe Druckknopf-Attrappe am Ampelmast. “Dit is doch jeistich schwachsinnich, da uff de Ampel ßu drücken, wo et doch ooch jrün wird, wenn jar keena drückt“ sagt der Greis, ohne mich anzusehen, laut in sich hinein. Er spricht seinen blitzdummen Satz im klassischen Berliner Alte-Leute-Motz-Ton: nicht laut genug, um eindeutig Mitmenschen zu belästigen; aber auch nicht dezent genug, um die hochverdiente Ignoranz zu erfahren.

Sprechen Sie etwa mit mir?

rufe ich ihm freundlich zu. –

Und ooch noch uffn Jehweech fahren, Pissfresse, Arschloch,

kontert er zügig. Jetzt ist es genug. Ich bin sonst nicht so, ich schwör’s. Ich hau mich mit keinem, das sowieso nicht. Ich drohe auch niemandem. Diese ganze breitbeinige Männer-Hormon-Scheiße kann mir komplett gestohlen bleiben. Aber was zuviel ist ist zuviel. Ohne abzusteigen rufe ich über die Schulter:

Willst Du was auf die Fresse haben, Gartenzwerg?

Der Alte kreischt sofort zurück:

Na komm doch her! Komm her! Na komm! Na komm! Na komm! Wat isn? Schiß oda wat? Komm doch her! Na los! Na los!

– Wer ist dieser Mann, frage ich mich im gemächlichen Wegfahren, Geronto-Män auf seinem Rachefeldzug zugunsten der Fußgänger und der jeistich starksinnijen Drückampel-Ignorierer? – Aber sehen wir mal vom Einzelfall ab und betrachten wir die Sache gesellschafts-politisch: Wird es nicht Zeit, unseren Greisen ganz grundsätzlich Einhalt zu gebieten? Müssen wir uns wirklich grenzenlos terrorisieren lassen vom Wahn unserer Alten, überall mithalten zu können und zu müssen, sogar bei sinnlosen Prügeleien im Straßenverkehr?

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