Archive für Oktober 2007

Zum Tod von Michael Stein

Am Mittwoch ist in einem Krankenhaus im Saarland Michael Stein an Lungenkrebs gestorben, im Alter von 55 Jahren. Stein war Anfang der 90er Jahre Mitglied der “Höhnenden Wochenschau”, der ersten Berliner Lesebühne. – Dort lernte ich ihn kennen, bei Auftritten in Berlin und anderswo. Hier ist mein Nachruf.

Als ich Michael Stein vor ungefähr 18 Jahren kennenlernte, trug er gern großkarierte Holzfällerhemden. Ich glaube, er hatte damals Locken. Es war nicht besonders schwierig, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Außer ihm waren damals Dr. Seltsam, Cluse Krings, Frank Fabel und Anja Poschen Mitglieder der “Höhnenden Wochenschau“. Die Truppe zerfiel damals in zwei Fraktionen, die Ideologen und die Komiker (zumindest kam es mir so vor) – Stein gehörte nicht nur zu den Komikern, er hatte sich auch darauf spezialisiert, die Ideologen mit Hohn und Spott zu überziehen. Über Dr. Seltsam sagte er: “Der Doktor profitiert bis heute davon, dass man 1976 eine neue Methode der Gehirn-Entnahme erfunden hat. Dadurch war es möglich, das Gehirn des Doktors rauszunehmen und zu gefrieren. Bis Anfang der 90er Jahre war es tiefgefroren; dann wurde es ihm wieder eingesetzt. Dadurch ist der Doktor bis heute imstande, absolut authentischen Marxismus-Leninismus von 1976 zu produzieren.“ Bei den Redaktions-konferenzen, die immer freitags, am Abend vor der Samstagsshow, stattfanden, war es üblich, dass die Texte, die dort vorgestellt wurden, unerbittlich kritisiert wurden. Auch Stein war nicht gerade zartfühlend, wenn er den Text eines Kollegen nicht mochte; verteidigte man aber einen Text mit einer besonders albernen und hirnrissigen Argumentation, dann konnte es vorkommen, dass er darüber lachen musste und den Text für den Rest der Sitzung seinerseits verteidigte. – Im Winter 1989 / 90 nahm die “Höhnende Wochenschau“ Kontakt zur damaligen SED / PDS auf; wir fürchteten damals, im Osten würden die Neonazis stärker werden und wollten mit unseren bescheidenen Mitteln zu ihrer Bekämpfung beitragen. Der frühere DDR-Vizekultur-minister Klaus Höpcke lud uns ein, im Gebäude an der Oberwallstraße – wo früher Honecker seinen Amtssitz hatte – eine Art Probeauftritt vor Partei-Leuten aus der ganzen DDR zu absolvieren, ein Casting sozusagen. Diejenigen, denen unsere Texte gefallen würden, könnten dann ja Gastspiele mit uns vereinbaren, so Höpcke. Wir freuten uns besonders darauf, wie das Publikum auf Stein reagieren würde. Er führte damals u.a. eine Art Talking Blues auf, eine sehr ruhige Nummer, etwas schleppend vorgetragen, mit sehr feinem Gefühl für Timing. “Tresen gestanden / Bierchen getrunken / Zijarette jeraucht / Hallo Heinz jesaacht“ – daran erinnere ich mich noch. Ich selbst hatte dazu am Klavier einen matten Blues zu improvisieren. Die Parteihirsche waren leise befremdet, da sie solche Nummern in ihrer Welt des politischen Laber-Kabaretts nicht kannten. Sie fanden uns aber sympathisch. Auch schien uns ja mit ihnen irgend eine Art von linker Grundüberzeugung zu verbinden; jedenfalls erweckte Dr. Seltsam immer gern diesen Eindruck bei den Bonzen. Die anderen waren einfach neugierig auf eine Tournee durch die Ruine des preussischen Sozialismus. Während des Auftritts im Parteigebäude wollte Seltsam unbedingt ein dämliches Biermann-Gedicht vorlesen (der Dr. las ja immer gern Sachen vor, die ihm keine Arbeit mehr machten). “Lob des Kommunismus“ hieß es, oder so ähnlich. Wir anderen fanden das Gedicht minderwertig und politisch doof. Seltsam wartete einen Moment ab, in dem jemand hinter der Bühne trödelte (Stein?) und schob seinen fülligen Leib geschwind an allen anderen vorbei, um sich auf der Bühne hinzusetzen und den Biermann rauszublöken. Alle bis auf Organisationsleiter Krings waren von diesem Putsch begeistert und erheitert, Stein ganz besonders. Ihm gefiel es immer, wenn Strukturen auseinanderfielen – und er mittendrin! Nachträglich kann ich kaum glauben, dass er sich so lange Zeit bereitwillig dem Redaktionsritual unterwarf. – Als wir dann in der DDR waren – Neubrandenburg, Dresden, Leipzig, Cottbus, Lübbenau und noch einige Orte, deren Namen ich nicht mehr weiß – unterhielt Stein die lokalen Veranstalter immer mit Skurrilitäten. Einmal, in Cottbus, gingen wir verkaterten Schädels mit unserer Veranstalterin spät morgens an einem Gewässer spazieren. Er wolle ihre kommunistische Weltsicht nicht ins Wanken bringen, sagte Stein zu der kichernden Frau, aber er müsse ihr jetzt kurz etwas stark Christliches demons-trieren, er könne nämlich auf dem Wasser gehen, genau wie der damals, ganz genau. Er improvisierte einen ausholenden, nach einer Robert-Crumb-Comicfigur aussehenden Schritt aufs Wasser zu, ließ den Fuß dann knapp über dem Wasserspiegel schweben, zuckte, grunzte, zog schließlich zurück und sagte der Frau, kopfschüttelnd und treuherzig blickend: “Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, wie mir das passieren konnte: Es geht nicht; ich hab die falschen Schuhe an!“ – Mit Stein, der zwar keinesfalls “alle Drogen nahm, die es gab“ (Seltsam), aber doch so dies und das und so dann und wann – mit Stein kam es auch zu merkwürdigen Begebenheiten nach den Gelagen, die sich regelmäßig an unsere Auftritte anschlossen. Einmal fragte er morgens einen Parteikellner (ja, einmal im Leben hatte unsereiner Privatkellner, wenn auch nur in einem untergehenden Staat!), wo denn sein Shit vom Vorabend sei. “Oach sou, sie meinen dän braunen Glumben, der durtt gelägen hodd? Mir homm gekloobt, das wär vorgammeldde Schoggoloade, da hammors weggeschmisn!“ Stein stöhnte auf und lachte gleichzeitig. – Das Publikum unser Ost-Auftritte war damals doppelt verwirrt: Erstens dadurch, dass ihnen ihr grauer kleiner Spießerstaat unterm Hintern wegschmolz, was für manche absolut nicht zu verarbeiten war; und zweitens durch unser Auftreten, unsere Texte, durch den antiautoritären Grundzug der Truppe. Die erste Frage aus dem Publikum, die wir nach jeder Show hörten: “Wovon lebt Ihr eigentlich?“ – Nach einiger Zeit ließen wir immer Stein als ersten antworten; denn seine Standardantwort “Ich hab mal ne Ausbildung als Ladendieb gemacht“ setzte gleich einen klaren Standard für die weiteren Antworten. Wir gingen nach einigen Tourneestationen dazu über, als Anmoderation für Michael zu sagen: “Und jetzt begrüßen Sie bitte das Drogenproblem der Höhnenden Wochenschau, Michael Stein!“ Das war durchaus übertrieben; aber einen recht derben Konsum an Rauschstoffen verschiedener Art hatte er manchmal schon. Wenn wir im Kleinbus aus Berlin hinausfuhren, hielten wir auf Antrag von Stein immer am ersten Intershop. Dort wurde Whisky zugeladen, der jeweils beste, der zu haben war. Wenn gar kein Whisky vorhanden war, setzte Stein schon mal durch, dass “Küstennebel“ gekauft wurde, ein trüber, spermafarbener Anislikör, der weder lecker war noch zuverlässig betäubte. Stein war damals sehr interessiert am sozialen Leben nach den Vorstellungen. Unsere Unterbringungen reichten von verlassenen Plattenbauten, auf deren noch brauchbare Wohnun-gen die Partei Zugriff hatte bis zu Gründerzeitvillen mit höflichen Kellnern und umfangreichen Cognag-Vitrinen (ehemalige Stasi-Domizile, so vermuteten wir). In einer der Plattenbau-Wohnungen, die wir nutzten, war eine leidlich angenehme Badewanne. Dr. Seltsam ließ sich ein Bad ein und nahm lesend in der Wanne Platz. Stein kam kurz danach hinein und wünschte zu pinkeln, wurde aber abgewiesen, weil das beim Baden abstoßend sei. Kurzerhand pinkelte der Neuköllner Berserker daraufhin bei Dr. Seltsam in die Wanne – eine Tat, die ihm bei allen anderen Mitgliedern der spätpubertierenden Truppe großes Lob eintrug und die sich schnell zur veritablen Anekdote auswuchs. – Auf dieser Tour kam es zu Liebschaften, teils mit der restsozialistischen Bevölkerung, teils mit Frauen, die mitgereist waren. Mir oblag es, der Tölpel zu sein, der sich tatsächlich während der Tour verliebte. Die Geschichte war gerade ein paar Tage alt, als ich die bewusste Dame mit Stein im Bett vorfand. Leider kann ich mich an die Erklärung, die der Meisterschwadroneur in diesem Moment abgab, nicht mehr erinnern. Unvergesslich ist mir aber, was Michael Stein irgendwann um 2 Uhr morgens durch einen Plattenbaukorridor brüllte, ein Satz, der weniger seine feinsinnige und mehr seine großkarierte Holzfällerseite betonte: “Ich will Ost-Fotzen!“

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